05.04.09

Politik und Web 2.0

Posted in Berlin, Medien, Politik, Web, internet at 12:17 pm by admin

Letztes Wochenende gab’s in Berlin das Politcamp09, ins Leben gerufen von einigen mehr oder weniger parteinahen Netzaffinen. Da tummelten sich dann viele Menschen mit Netbooks, Macbooks und iPhones und ein Haufen mehr oder weniger junger Jungpolitiker, die sich unglaublich webzwei.nullig fühlten. Dazu viel Latte Macchiato und Bionade. Ein paar lose zusammenhängende Eindrücke:

 Thema: Wie gehen Web 2.0 und Politik zusammen? Es war relativ schnell klar, dass das in den meisten Fällen noch gar nichts zusammengeht. Über Zensursula und Netzsperren wurde naturgemäß viel diskutiert, und im Super-Wahljahr 2009 natürlich auch über die Rolle des Web 2.0 im Wahlkampf. Während im Vorfeld der letzten Bundestagswahlen Blogs das ganz große Ding waren (die nach der Wahl oft ganz schnell eingeschlafen sind) stürzen sich 2009 alle auf Facebook und vor allem Twitter. Entsprechend ging es in der Eröffnungssession des Politcamps – das übrigens als Barcamp organisiert war – um twitternde Politiker. Volker Beck (Grüne) war gekommen und Ralf Stegner (SPD) und einige andere, die gerne, viel und selbst twittern. Womit sie unter den deutschen Abgeordneten eher zur Ausnahme zählen. Allgemeiner Konsens: verordnetes Twittern funktioniert nicht, der Follower merkt schnell, dass das nicht authentisch ist. Und: zu viel Privates wollen wir nicht hören. Aber ein bißchen natürlich schon.

Die ganze Veranstaltung war ziemlich twitterlastig, allenfalls über Facebook gabs noch Diskussionen. Das führte zu ganz unterhaltsamen Szenen, die ein bißchen an Schulunterricht erinnerten, als Oliver Zeisberger (der auch für Schäfer-Gümbel den Wahlkampf gemacht hatte) einigen noch nicht ganz so aber gerne bald ganz arg webaffinen Politikern erklärte, wie dieses social network denn funktioniert. Da hatte SPD-Kampagnenchef Kajo Wasserhövel wohl durchaus recht, als er die gut 600 Teilnehmer ermahnte, sie als Avantgarde sollten doch bitte aufpassen, nicht völlig elitär zu werden.

 

Generell scheint Web 2.0 für viele Politiker nach wie vor mehr Mittel zum Wahlkampf zu sein als Alltag, viele scheinen sich weder der Chancen noch der Begrenzungen wirklich bewusst zu sein – aber die waren ja entsprechend auch nicht anwesend. Genauso scheint es um Umweltverbände und NGOs bestellt, die die Chancen zum agenda setting, die ihnen Facebook und Co bieten, selten ausnutzen. Damit geht es ihnen ähnlich wie all denen, die sich um Europa-Themen kümmern. Der EU wird ja immer mangelnde Transparenz vorgeworfen. Nun ist ja innerhalb ihres Systems durchaus transparent – alle Gesetzesvorlagen etc pp stehen online – nur findet sich in dem unendlichen Wust an Dokumenten kein Mensch zurecht. Das Demokratie-Defizit in der EU werde als weniger durch mehr Rechte fürs Parlament gelöst werden als durch mehr Öffentlichkeit, bemerkte der Session-Leiter meiner Ansicht nach völlig zu Recht.

 

Ansonsten: angenehm wenig parteipolitisches Profilierungsgehabe, die interessantesten Diskussionen finden wie so oft zwischen den Sessions und die Linke im Web 2.0 eigentlich gar nicht statt.

 Ach ja, und das Lieblingsspielzeug auf dem politcamp09 war der/die/das (?) Poken, eine Mischung aus Tamagotchi und digitaler Visitenkarte.

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