07.10.09
Im Provisorium eingerichtet
Gestern “Hotel Sahara” von Bettina Haasen gesehen, noch ein bißchen unentschlossen, was ich davon halten soll… Altbekanntes, aber virulentes Thema: Flüchtlinge, die aus Westafrika versuchen, nach Europa zu gelangen. Eigentlich wollte die Regisseurin in Agadez, Niger drehen, doch als dort 2007 Unruhen ausbrachen musste sie sich einen neuen Drehort aussuchen. Es wurde Nouadhibou in Mauretanien, die zweitgrößte Stadt des Landes. Auf der gleichen Höhe wie die Kanaren liegend ist sie seit Jahren Durchgangsstation für Menschen, die sich auf den Weg nach Europa machen wollen - vor allem, seit es immer schwieriger wird, von Marokko, Algerien oder Tunesien aus europäischen Boden zu erreichen.
Die Regisseurin begleitet mehrere junge Leute aus verschiedenen westafrikanischen Ländern, die in Nouadhibou festsitzen, oft schon seit Monaten, seit Jahren: einen jungen Mann aus Guinea, der Fußballer werden möchte, eine Frau aus Nigeria, deren Vater seinen Besitz verkauft hat, um der Tochter die Reise nach Europa zu ermöglichen, und einen Taxifahrer aus Kamerun. Dazu kommen unzählige Randfiguren und damit wären wir m.E. auch schon bei einem der Hauptprobleme, warum der Film nicht wirklich funktioniert: viele Protagonisten, die mal mehr, mal weniger Platz einnehmen, ohne dass der Zuschauer Zeit hat, ihnen wirklich nahe zu kommen - aber dann wiederum auch nicht so viele, dass es als reines Mosaik funktioniert.
Haasen wählt einen Stil, den ich mal als etablierte Avantgarde bezeichnen möchte - keinen Sprechertext, dafür viel Spiel mit Schärfe und Blende, poetische, bedrückende Bilder. Die Bilder, die Kameramann Jacko van T Hof zaubert, sind brilliant verstörend, fangen die angespannte Stille ein, die tägliche Routine, mit der sich die Protagonisten in ihrem Provisorium eingerichtet haben, das Warten, von dem sie nicht wissen, wann es vorbei ist, die unzähligen Schiffsruinen am Strand von Nouadhibou. Sie wollten “Reportagebilder” vermeiden, erzählt die Regisseurin im Presseheft - das ist ihr gelungen, auch wenn das ganze manchmal für meinen Geschmack ein bißchen zu gewollt und manieristisch daher kommt. Völlig irritierend in diesem Zusammenhang: Pressebilder aus den Hubschraubern der Guardia Civil, die dort rumfliegen, und ein Interview mit dem Direktor des Abschiebelagers - das ist dann wieder ziemlich reportagig und passt so gar nicht ins Bild.
06.17.09
Aktuell im Kino: Korankinder
Es ist die zweitgrößte islamische Pilgerfahrt der Welt, direkt nach Mekka: jedes Jahr treffen sich in Dhaka, Bangladesh, Millionen Anhänger der Tablighi Jemaat, einer orthodoxen sunnitischen Missionsgemeinschaft. Doch im Gegensatz zur Hajj, der Pilgerreise nach Mekka, sind die Treffen der Tablighi Jemaat ein neues Phänomen – das Regisseur Shaheen Dill-Riaz völlig fremd war, als er nach langem Auslandsaufenthalt nach Bangladesh zurückkehrte. Er macht sich auf die Suche nach den Ursprüngen der neuen Bewegung, die er in den Koranschulen Bangladeshs findet.
Eine kurze Kritik zu dem Film hier.
12.08.08
Sehen, nicht sehen
“Je veux voir”, ich will sehen - damit ist für Catherine Deneuve alles wesentliche gesagt. mehr Erklärung braucht es nicht. Sie steht am Fenster eines Nobelhotels in Beirut, mit dem Rücken zur Kamera, und schaut aus dem Fenster. Ihr Leibwächter möchten die Schauspielerin davon abhalten, in den Süden des Libanon zu fahren, kurz nach dem Krieg des Sommers 2006. “Je veux voir” ist auch der Titel der Dokufiktion von Joanna Hadjithomas und Khalil Joreige. Sie setzen Deneuve mit dem libanesischen Schauspieler Rabie Mroue ins Auto und fahren in den Süden - nur einen Tag lang, denn am Abend muss Deneuve zurück in Beirut seit, ein Empfang wartet auf sie.
Mroue zeigt Deneuve den Süden, den Süden seiner Großmutter - wo er seit dem Bürgerkrieg nicht mehr war. Eine der stärksten Szenen des Films ist der Besuch im Heimatdorf von Mroues Großmutter. Er sucht ihr Haus, während Deneuve im Auto wartet. Die Kamera zeigt die Dorfbewohner. Zunächst sehen wir nur Männer, die aus der Entfernung auf die Besucher schauen. Dann schwenkt die Kamera, und wir sehen zwei Frauen, direkt neben der Autotür. Alle schauen auf Deneuve, die sitzt im Wagen, ruhig, aber leicht verunsichert. Ihre Augen fliegen hin und her. Dann kommt Mroue zurück. Zu Fuss gehen die beiden weiter. Zwischen lauter Trümmern sind kaum noch Straßen auszumachen. Das Haus seiner Großmutter, das findet Mroue nicht wieder.
Es sind zwei Fremde, die wir dort sehen, im Süden des Zedernstaates. Deneuve, die zum ersten Mal da ist, um zu sehen. Und Mroue, der lange weg war, und eigentlich gar nicht zurück wollte, der Angst hat zu sehen, und nur wegen der Schauspielerin mitfährt. Beide sehen, und sehen nichts. Sind dort, und gleichzeitig weit weg. Und doch sieht man eine Veränderung. Am Abend geht Catherine Deneuve im Abendkleid zu einem Empfang. Ein ganz normaler Termin, könnte man denken. Doch diesmal sieht die Diva fremd aus, so, als hätte dieser Tag sie verändert. Ein kleines Stückchen der realen Welt strahlt noch in den Glamour des Festsaals hinein.
11.25.08
Ärger über die Berlinale
VdFk fordert Rücknahme der hohen Presse-Akkreditierungsgebühr
Der Verband der deutschen Filmkritik (VdFk) fordert die Berlinale auf, die massiven Erhöhungen ihrer Akkreditierungsgebühren zurückzunehmen. Journalisten sollen in künftig 50 Prozent mehr bezahlen (60 statt 40 Euro). Diese Anhebung ist weder in ihrem Ausmaß, noch in ihrer Substanz nachzuvollziehen.
Die Berlinale erklärt die Erhöhung mit gestiegenen Kosten für Sonderleistungen für ihre Besucher, u.a. die Einrichtung des Schreibraums, Server-Kapazitäten fürs Herunterladen, Vorhalten einer WLAN-Verbindung. Der VdFk bezweifelt, dass dies eine Erhöhung rechtfertigt. Eine wachsende Anzahl von Journalisten nimmt diese Dienste gar nicht mehr in Anspruch, da sie mit ihrer eigenen Ausrüstung nach Berlin kommen; die WLAN-Verbindung war zudem immer separat kostenpflichtig. Das gleiche gilt für zentrale Arbeitsmaterialien wie den Katalog, der bei anderen Festivals, die Gebühren erheben, gratis erhältlich ist.
Es drängt sich somit der Verdacht auf, dass das Festival auf Kosten der Berichterstatter sein Budget entlasten will, das durch immer neue Seitenveranstaltungen aufgebläht wird. Vor allem freie Kollegen werden in diesen Tagen durch die Sparmaßnahmen der Medien mit drastisch sinkenden Einnahmen bei kontinuierlich ansteigenden Lebenshaltungskosten konfrontiert. Als Konsequenz werden immer mehr Kritiker Berlin fernbleiben. Das kann nicht die Absicht der Filmfestspiele sein.
Der Vorstand
11.16.08
JCC 2008 /2
Nach Mascarades kam dann noch ein weiterer algerischer Film dazu, den ich für absolut sehenswert halte: La maison jaune. Ein Film, der völlig unpretentiös und mit leisem Humor eine Familie zeigt, die um ihren Sohn trauert, der beim Militärdienst ums Leben gekommen ist. Während der Vater mit seiner Tochter die Dinge in die Hand nimmt verkriecht sich die Mutter in Trauer zu Hause. Sie wieder ins Leben zurückzuholen stellen sich Vater und Tochter zur Aufgabe. Sicher ein klassischer Film, in dem Sinne, dass er vor allem stilistisch ziemlich genau dem entspricht, was man so von einem algerischen Film erwartet, das macht ihn aber um keinen Deut schlechter! Im Spielfilmwettbewerb außerdem der äthiopische Film Teza von Haile Gerima, der sehr vielschichtig die komplexe jüngere äthiopische Geschichte analysiert - ein Film über Träume und enttäuschte Hoffnungen, der wie erwartet auch den Tanit d’or gewonnen hat.
Sehenswert fand ich auch den marokkanischen Film Les coeurs brulés von Ahmed El Maanouni, allein schon wegen seiner brillianten schwarz-weiß-Inszenierung der Stadt Fes. Die Geschichte eines Außenseiters, in der sich Vergangenheit und Gegenwart ständig übereinanderlegen, bis die Grenzen beinahe verschwimmen. Leider reicht die Handlung nicht immer aus, um die Bilder wirklich zu unterfüttern und mit Inhalt zu füllen. Rashid Mashrawi, gegenüber dessem letzten Dokumentarfilm über den Bruder Yassir Araftas ich ja massive Vorbehalte hatte, hat mit Leila’s Birthday eine durchaus sehenswerte schwarze Komödie über die alltäglichen Absurditäten des Lebens in den Palästinensergebieten gedreht, mit einem ziemlich brillianten Mohammed Bakri in der Hauptrolle. “Interessant” war Falling from Earth, ein libanesischer Spielfilm, der aber eher wie eine Videoinstallation anmutet. Würde ich gerne nochmal sehen, um mehr als nur Fragmente zu verstehen…
Wären da, was den Spielfilmwettbewerb betrifft, noch die tunesischen Filme. Bei Kaltoum Bornaz‘ Film L’autre moitie du ciel kann ich leider nicht viel mehr als nur den Kopf schütteln. Inhaltlich erinnert der an die ersten tunesischen “Frauenfilme” vor 15, 20 Jahren, was Schauspielerführung und Kamera angeht ist er einfach nur schlecht. Lässt sich leider nicht anders sagen, obwohl ich nur ungern so “Daumen rauf - Daumen runter” Urteile fälle… Vor allem am Anfang wimmelt es nur so von Schwenks, die wahllos irgendwo anfangen und irgendwo anders wieder aufhören, ohne dass sich irgendein Sinn dahinter erkennen lässt. Un si beau voyage von Khaled Ghorbal ist gar nicht so schlecht, wie ich nach eindringlichen Warnungen vor meinem Kinobesuch vermutet hatte. Sein Hauptproblem ist eigentlich, dass er kein Ende findet. Ansonsten eine solide “Immigrant kehrt heim, um sich mit seiner Familie zu versöhnen und dann zu sterben”-Geschichte.
Am letzte Festivalabend dann noch außer der Reihe eine Vorpremiere von Ibrahim Letaiefs Cinécitta. Selten so eine Menschenmenge vor einem Kino gesehen. Nach einer Stunde Verspätung voller Handgemenge, Polizei, Ohnmachtsanfällen und Geschiebe waren dann die Leute mit Einladungen alle im Kino und es konnte losgehen. Draußen warteten nochmal ein paar hundert auf die zweite Vorführung, die um ein Uhr morgens losgehen sollte. Sie ging letztendlich irgendwann gegen drei los, nachdem es zu noch mehr Tumulten und Sprechchören gekommen war. Schade dass sich diese Filmbegeisterung auf Festivals zu beschränken scheint und die Säle sonst nach wie vor relativ leer bleiben. Immerhin gibt es jetzt aber in Tunis mit den wiedereröffneten Cinémafricart und Alhambra zwei Säle, die mehr zeigen als Bollywood, Hollywood und ägyptische Melodramen.
10.29.08
JCC und die Frage, was eigentlich tunesisch ist…
Seit Freitag in Tunis, 22. Edition der Journées Cinématographiques de Carthage…
Bis jetzt habe ich leider viel mittelmäßiges gesehen, mich nur über wenige Filme richtig geärgert, aber auch nur selten mit einem Hochgefühl das Kino verlassen. Dafür habe ich heute mein Thema der JCC 2008 gefunden - und einen spannenden Film gleich dazu: Memoire d’une femme von Lassad Oueslati, der die Geschichte der Tunesierin Esther nachzeichnet. Inzwischen 78 lebt sie mit ihrem Sohn in Tunis. Sie ist schon als junges Mädchen zum Islam konvertiert und nennt sich Hedia, ihren Sohn hat sie Mohammed genannt. Doch der fühlt sich mehr als Jude denn als Muslim - und vor allem als Bürger zweiter Klasse in seinem Land. Hedia und Mohammed diskutieren in dem Film mit großer Offenheit, und das landet oft ungeschnitten auf der Leinwand. Und die Diskussionen nach dem Film ging mit eben solcher Offenheit und Vehemenz weiter. Genauso die um Karim Dridis Film Khamsa - der Regisseur ist Frankotunesier, der Film mit französischen Geldern gedreht, spielt in Frankreich - und er vertritt Tunesien im Wettbewerb. Auf die Frage, ob Khamsa denn nun ein tunesischer Film sei kriegt man fast immer die selbe Antwort: “Nein, was soll dieser Film in unserem Wettbewerb?” Kurz: große Identitätskrise, die sich nicht nur in, sondern vor allem um die Filme herum manifestiert.
Positiv überrascht war ich bis jetzt von der relativen Offenheit. Kritische Filme wie eben Memoire d’une femme oder der tunesische Kurzfilm Le Projet werden gezeigt, ebenso der libanesische Beyrouth, ville ouverte. Da ist immer noch viel urgence zu spüren, oft mehr als filmische Qualität, und ich wäre geneigt, das als einen kleinen Schritt hin zu mehr Freiheit zu bezeichnen. Bleibt nur die Frage, ob das wirklich von Dauer ist - und da halte ich mit Prognosen sehr zurück - und ob aus der urgence auch irgendwann wieder filmische Qualität wird, die in den vergangenen Jahren leider ziemlich gelitten hat.
Außerdem: extrem wenig Filme aus Subsahara-Afrika, die JCC werden immer mehr zu einer rein arabischen Veranstaltung. Und: immer weniger ausländische Gäste, sowohl aus Europa als auch aus arabischen und afrikanischen Staaten. Ist alles sehr, sehr überschaubar dieses Jahr.
Übrigens: ganz schlecht war natürlich nicht, was ich bis jetzt so gesehen habe: der algerische Film Mascarades - man stelle sich eine Mischung aus Kusturica und Zemmouri vor - ist eine sehr rhythmische Komödie mit schön subtiler Kritik und Yousri Nasrallahs Aquarium hat ein paar wunderbare Momente und Tabubrüche.
10.02.08
Glückstag
Es sieht hier ja mal richtig gut aus. Kaum in Berlin angekommen freue ich mich schon über das Kinoangebot: Couscous mit Fisch von Abdellatif Kechiche läuft noch - im Kino sicher besser als auf der raubkopierten marokkanischen DVD, Barakat von Jamila Sahraoui kommt nach langen Jahren auch in Deutschland endlich in den Verleih, Lemon Tree von Eran Riklis hat heute Bundesstart (und kriegt einen ganz ordentlichen Haufen Aufmerksamkeit in der Presse), dann auch noch Heavy Metal in Baghdad. Und Mec-Film (nicht genug in den Himmel zu loben) hat mit Recycle einen jordanischen Film in den Verleih gebracht - und ich frage mich gerade, wann ich das letzte Mal einen jordanischen Film gesehen habe. Und wann ich Zeit finden soll, die Filme alle zu sehen und vor allem auch noch darüber zu schreiben. Aber immerhin weiß ich jetzt, wo ich mein Wochenende verbringen und mich vom Berliner Herbstwetter ablenken werde.