Angriff auf das Kino AfricArt in Tunis

Die Glasfassade und das Kassenhäuschen zerstört, der Betreiber im Krankenhaus, die Kulturszene in Aufruhr: Ergebnis eines Filmabends im Kino AfricArt im Zentrum von Tunis. “Ne touche pas à nos créateurs”, Hände weg von unseren Künstler, war das Motto des Abends, an dem unter anderem Nadia El Fanis Dokumentarfilm “Ni allah, ni maitre” gezeigt werden sollte. Bereits bei seiner Premiere beim Festival Doc à Tunis hatte der (m.E. relativ banal provokante) Film über Laizismus für heftige Debatten und Mordaufrufe gegen die Regisseurin im Internet gesorgt (gesehen haben den Film nur einige hundert Festivalgäste). Vergangenen Sonntag protestierten eine Handvoll Menschen (dem Ansehen nach Salafisten) zunächst friedlich vor dem Kino, bevor die inzwischen auf rund fünfzig Personen angewachsenen Menge die Glastüren und das Kassenhäuschen zerstörten, den Betreiber verprügelten und in den Saal eindrungen, wo sie drohten, ein Blutbad anzurichten wenn der Film gezeigt würde. Eine Mitarbeiterin des Kinos verließ nach eigenen Angaben den Saal durch den Notausgang und informierte im nächstegelegen Kommissariat die Polizei (die der Betreiber aus Angst vor Übergriffen auch schon drei Tage vorher vorgewarnt hatte), woraufhin ihr der diensthabene Beamte erklärte, dies interessiere ihn nicht. Nach gut 45 Minuten schritt die Polizei schließlich ein und nahm einige der Angreifer fest.

Beim heutigen Prozess gegen die festgenommenen drangen nach Augenzeugen berichten Sympathisanten ins Gerichtsgebäude ein und versuchten Feuer zu legen. Sie flüchteten sich danach in ein nahegelegens Krankenhaus. Außerdem wurde ein Anwalt der islamischen Partei Ennahdha angegriffen.

Neben der offensichtlichen Debatte um die Grenzen der Meinungsfreiheit stellt sich vor allem die Frage, welches Interesse die Polizei hat, die Vorfälle erst eskalieren zu lassen, bevor sie einschreitet….

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CinéTunis - 2

111, Rue de la Poste - eine Adresse in Brüssel, drei Jahre lang Wohnort der tunesischen Regisseurin Sarra Abidi während ihres Filmstudiums an der INSAS, und jetzt auch der Titel ihres Dokumentarfilms, den sie in diesen drei Jahren gedreht hat. Grobkörnige, wackelige Bilder aus dem Leben junger Frauen aus aller Welt, die sich in kleinen Zimmern ihren Lebensmittelpunkt zu erschaffen suchen, die noch nicht angekommen oder schon wieder auf dem Sprung sind, die in der Fremde die Nähe der anderen Bewohnerinnen suchen.

Ni Allah, ni maitre - Nadia El Fani begann im Ramadhan 2010 einen Film über Säkularismus in Tunesien zu drehen. Dann kam die Revolution und ein (vermeintliches?) Erstarken konservativer Kräfte. Die Regisseurin drehte erneut, heraus kam ein Film, der die richtigen Fragen stellt, der vehement persönliche Freiheiten einfordert - diese aber oft darauf reduziert, ob man in Tunesien als Tunesier im Ramadhan in der Öffentlichkeit ein Bier trinken kann oder nicht, und damit mehr provoziert als zu einer ernsthaften Debatte beiträgt.

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Die Angst besiegen

“Wenn wir gewusst hätten, wie einfach dieses Regime zu stürzen ist, wenn wir gewusst hätten, dass diese ganze Fassade wie ein Kartenhaus zusammenfällt, wenn man es einmal vorsichtig anstupft…” Dieser Satz, den ein Bekannter von mir wenige Tage nach dem 14.Januar geäußert hat, kam mir bei Mourad Ben Cheikhs Dokumentarfilm “Plus jamais peur” (la khaouf ba’d alyaoum) wieder in den Sinn. Nach seiner Premiere in Cannes ist er inzwischen in Tunis im Kino zu sehen.

Ben Cheikh folgt in seinem Film drei Personen, die mit der tunesischen Revolution eng verbunden sind: der jungen Bloggerin Lina Ben Mhenni, der opositionellene Anwältin und Menschenrechtsaktivistin Radhia Nasraoui (und am Rande auch ihrem Ehemann Hamma Hamami, Vorsitzender der kommunistischen Partei PCOT) und dem Journalisten Karem Cherif. Sie alle haben schon lange gegen die Furcht angekämpft, bereits unter der Herrschaft des gestürzten Dikators Ben Alis.

Während Ben Mhenni, die vor allem im Ausland als DIE Internataktivistin der Revolution gefeiert wird (und diesen Titel selbst immer weit von sich weisst), kalt und distanziert bleibt, gelingt es dem Regisseur, den anderen Figuren sehr nahe zu kommen. Radhia Nasraoui wird in ihrer ganzen Fragilität und der dadurch umso beeindruckenderen Nervenstärke zum Dreh- und Angelpunkt des Films. Über Karem Cherif erlebt der Zuschauer, wie sich die Bevölkerung in den einzelnen Stadtvierteln nach der Revolution in Bürgerwehren organisiert und zu einem ganz neuen Zusammenleben gefunden hat.

Elegant zusammengehalten wird der Film durch die Geschichte einer Foto-Collage. In einer Therapiesitzung im psychatrischen Krankenhaus von Tunis legt ein Patient seiner Therapeutin seine Vision der Revolution dar, visualisiert im langsamen Entstehen der Collage, das sich als roter Faden durch den Film zieht. Während der Film geschickt konstruiert ist, tut sich hier gleichzeitig eine der Schwächen auf: durchdacht und konstruiert, mit einem klaren Konzept gedreht und ohne sich nur am zeitlichen Ablauf der Ereignisse festzuklammern, gelingt es dem Regisseur nicht immer, die Personen dem Zuschauer wirklich nahe zu bringen. Zu oft verharrt er in vorsichtiger Distanz zu ihnen und traut sich nicht, Position zu beziehen.

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“Die Welt draußen ist verrückt, nicht wir”

Drei Monate lang lag das kulturelle Leben in Tunis quasi brach:  ein paar postrevolutionäre Konzerte, ein, zwei Ausstellung, und das Team von El Teatro, das als einziges ein wirklich solides Programm auf die Beine stellte - trotz Ausgangssperre und Sicherheitsbedenken. Das Cinemafricart, eigentlich eine zuverlässige Größe im Kulturleben von Tunis, konnte nicht arbeiten, da der Kinosaal im seit Februar bestreikten Hotel Africa liegt. Doch jetzt ist auch das wieder offen.

Hichem Ben Ammar, Dokumentarfilmer und ehemaliger künstlerischer Leiter von Doc à Tunis, der sich inzwischen mit Festivalchefin Sihem Belkhodja überworfen hat, organisierte vergangenes Wochenende vor gut gefülltem Saal die Journées du documentaire, mit fünf aktuellen arabischen Dokumentarfilmen.

Darunter unter anderem Zelal, der letzte Film des tunesischen Regisseurs Mustapha Hasnaoui, der am 15.Januar verstorben ist. Der Film, Porträts der Insassen zweier ägyptischer Psychatrien, reiht sich ein in eine ganz Reihe Dokumentarfilme die sich mit dem Verhältnis von Innen und Außen, von “verrückt” und “gesund” beschäftigen. Wenn auch weniger durchdacht und weitsichtig als etwa Malek Ben Smails Aliénations, so spielt der Film doch vor allem in seiner Analyse der ägyptischen Gesellschaft eine wichtige Rolle. “Die Welt draußen ist verrückt, nicht wir”, bekräftigen zwei Frauen. Nicht ganz falsch…

Die Geschichte eines gescheiterten Vorzeige-Projekts zeigt Kaouther Ben Hnias Les Imams vont à l’école, Beobachtung eines spannungsgeladenen Experiments, das sich Nicolas Sarkozy ausgedacht hatte. Französische Imame sollten zusätzlich zu ihrer religiösen Ausbildung Kurse in Laizität erhalten. Nach langer Suche fand sich schließlich eine Organisation, die sich anbot, die Kurse zu organisieren: das Katholische Institut in Paris. Zurückhaltend beobachtet die Regisseurin die Kurse während eines Schuljahres. Das Ergebnis ist niederschmetternd: Diskussionen finden nicht statt, die Schüler wiederholen in den Prüfungen brav, was sie auswendiggelernt haben, um ihr Zertifikat zu erhalten. Experiment gescheitert. Wer vorher vom Prinzip der Laizität nicht überzeugt war wird es nach diesem Kurs auch nicht sein.

Doch mit dem Mini-Festival soll es nicht vorbei sein, im Lauf des Jahres sollen weitere Vorstellungen im ganzen Land stattfinden.

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Saubermachen, neu anfangen - die tunesischen Filmemacher nach der Revolution

Kurz nach dem 14. Januar erhielt ich eine Einladung zur Versammlung der ACT, der Association de cinéastes tunisiens (Verband der tunesischen Filmemacher). Die Existenz dieses Verbandes war mir völlig unbekannt - was mich dann doch wunderte, da ich mich seit Jahren intensiv mit der tunesischen Filmszene beschäftige. Bei der Versammlung angekommen stellte ich dann fest, dass ich bei weitem nicht die einzige war, sondern dass es vielen jungen Regisseuren, Technikern und Produzenten ähnlich ging. Einer der jüngeren Anwesenden ergriff bald das Wort. Für ihn sei die ACT immer nur “der Verein von Ali Laabidi” gewesen, und ob denn eines der älteren Mitglieder mal erklären könne, was Sache sei.

Als der Name Laabidi fiel wurde mir dann einiges klar. Ali Laabidi, Regisseur von Redyef 54 und Lambara, war DER Regisseur des gerade gestürtzten Regimes, dessen Filme jegliche nur vorstellbare Förderungen erhielten (was sich leider im Resultat nicht wiederspiegelte). Laabidi dirigerte die ACT offenbar wie es ihm gefiel, ohne die Mitglieder des Vorstandes miteinzubeziehen. Mitgliedsausweise wurden nach persönlichen Sympathien vergeben, beklagen sich viele Mitglieder, und von Transparenz oder Informationen über die Arbeit des Vereins könne keien Rede sein.

Nach der Fluch von Ben Ali bildeten die Mitglieder einen provisorischen Vorstand und riefen zur Generalversammlung auf - das Kulturhaus Ibn Khaldoun war randvoll, nur Ali Laabidi wollte nicht kommen.  Bei einer zweiten Sitzung wurde er - in Anwesenheit eines Notars und gemäß der Satzung der ACT - seines Amtes enthoben. Nur dass Laabidi dies offenbar nicht anerkennen will. Am 7. Janur schickte sein Notar ein Schreiben (das mir vorliegt) an alle tunesischen Banken, in dem er sie auffordert, der ACT kein Konto zu eröffnen. Er sei nach wie vor der rechtmäßige Präsident, aber es gäbe Mitglieder des Verbandes, die sich als Vorstand ausgeben würden, so das Communiqué.

Unterdessen hat die ACT gestern verschiedene Arbeitsgruppen gegründet, die sich unter anderem mit der Rolle der Zensurkommission und dem Verhältnis der ACT zu anderen Vereinigungen wie der FTCA (Amateurfilmverband) und der FTCC (Vereinigung der Filmklubs) beschäftigen werden.

Der neue (Übergangs-) Vorstand setzt sich wie folgt zusammen:

Präsident : Mounir Baâziz
Vizepräsident : Amine Chiboub
Generalsekretär : Mohamed Ali Okbi
Schatzmeisterin : Chiraz Bouzidi
Vize-Generalsekretär (Kommunikation) : Bahri Ben Yahmed
Vize-Generalsekretär (Verbindung zu den anderen Verbänden): Marouène Meddeb
weitere Vorstandsmitglieder : Maroua Rekik, Ghanem Ghaouar, Anis Lassoued

In La Presse sind außerdem (auf Französisch) einige Statements verschiedener Regisseure zu lesen - Ali Laabidi hat sich bis jetzt leider nicht geäußert.

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JCC - Tag 7, 8 und Schluss

Nach Abdelkrim Bahloul’s konventionellem “Voyage à Alger” standen die letzten beiden Tage für mich vor allem Kurzfilme auf dem Programm.

Der internationale Wettbewerb war deutlich stärker als bei den Langfilmen. Pumzi (Wanurt Kahiu, Kenya), Vers le Nord (Youssef Chebbi, Tunesien) und Promenade (Sabine Chamaa, Libanon) vertraten ein - jeweils sehr unterschiedliches - klares ästhetisches Konzept. Khouya von Yanis Koussim erzählt die Geschichte dreier Schwestern, die von ihrem Bruder terrorisiert werden. Die Mutter nimmt dessen Verhalten wohlwollend hin, stellt sich jedoch vor ihre Töchter, als diese Rache nehmen. Sehr dicht erzählt ist der Film von großer Intensität, auch wenn ich es fraglich finde, ob die deutliche Darstellung der Gewalt dem Film dient oder nicht eher schadet.

Im neugeschaffenen tunesischen Wettbewerb fielen wenige Filme auf. Obsession von Amine Chiboub spielt geschickt mit den Erwartungshaltungen der Zuschauer, Condamnation von Walid Mattar ist eine intelligente kleine Geschichte über die alltäglichen Anliegen einer (sicherlich etwas stereotyp dargestellten) tunesischen Arbeiterschicht, erzählt anhand eines kleinen Kaffees, das ein bißchen an die Filme von Elia Suleiman denken lässt.

Die Preise sorgten wie so oft für Verwunderung. Der Tanit d’or für Microphone war wohl eine politische Entscheidung für das ägyptische Independentkino, und mit dem Tanit d’argent für Abdelkrim Bahlouls Voyage à Alger ging der Preis an ein sehr konventionelles, staatstragendes Erzählkino. Die drei tunesischen Spielfilme im Wettbewerb gingen völlig zu Recht leer aus. Linge Sale (Malik Amara, Tunesien), als bester Kurzfilm ausgezeichnet, zeigt meiner Einschätzung nach ein weit verbreitetes Problem des gegenwärtigen tunesischen Kinos auf. Handwerklich perfekt gemacht, sehr clean, wenig Mut für außergewöhnliche (Erzähl-)Perspektiven und inhaltlich leer.

Keine Überraschung im Dokumentarfilm-Wettbewerb, wo Fix me von Raed Adoni als bester Film ausgezeichnet wurde. Die gleiche Jury vergab auch die Preise für die tunesischen Kurzfilme, an Vivre von Walid Tayaa, eine mit Elementen der Groteske angereicherte sensible Alltagsgeschichte, und den zweiten an The last song von Hmeida Behi, eine sehr klassisch inszenierte Geschichte über Verlust und Tod, der sehr geschickt mit Längen und Pausen arbeitet.

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JCC - Tag 4-6

“La Mosquée” von Daoud Aoulad Syad spielt intelligent mit den Auswirkungen der zunehmenden Filmdrehs in Marokko. Mal wieder hat eine Regisseur (gespielt von Daoud selbst) ein Filmset am Drehort hinterlassen. Alle Dekors werden abgerissen, nur die “Moschee” nicht - denn die Bevölkerung des Dorfes geht dort inzwischen beten. Und das sehr zum Leidwesen des Grundbesitzers, dem sein Einkommen wegbricht, weil er sein Land nicht mehr bestellen kann. Eine durchaus hübsche Idee, die ich mir gut als Kurzfilm vorstellen kann - die aber m.E. auf 90min gestreckt sich doch eher in die Länge zieht als weiterentwickelt.

Der neugeschaffene Dokumentarfilm-Wettbewerb (die Aufteilung in Video- und Film-Wettbewerb wurde endlich abgeschafft) war - im Gegensatz zum Spielfilm-Wettbewerb - durchgehend ziemlich interessant. Auf der einen Seite sehr intime Filme, wie etwa der marokkanische “Zmanna” oder Mohamed Bakris “Zahra”, die sich mit Familiengeschichten und Emigration auseinandersetzen, auf der anderen Seite Filme, die sich explizit der politischen Geschichte widmen. “Zahra” schlägt in gewisser Weise die Brücke zwischen den beiden, da die Geschichte Palästinas im Hintergrund sehr präsent ist.

Auf der anderen Seite etwa “We were communists”, der die Rolle der Kommunisten im Libanon filmisch erforscht, persönlich und global gleichzeitig,  und Karim Miskés brillianter “Musulmans de France”. In drei Episoden erzählt der Regisseur die Geschichte der Muslime in Frankreich, vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart, von den muslimischen Bewohnern der Kolonien zu den muslimischen Franzosen. Obwohl für France 3 produziert hat Musulmans des France nichts von einer Fernsehreportage. Der Film wirft einen präzisen Blick auf die muslimische Bevölkerung Frankreichs, ohne sich in Klischees zu verlieren. Mehr solcher Filme würden gut tun, auch in Deutschland.

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JCC - Tag 3

Aus Neugier “Soul Boy” angeschaut, den Tom Tykwer in Kibera gedreht hat, dem bekannten Slum von Kenias Hauptstadt Nairobi. Eine einfache Geschichte um das Leben eines Jungen, den harten Alltag und den Unterschied zwischen arm und reich, klar und geradeheraus erzählt. Für den Wettbewerb dann aber meines Eindrucks nach vielleicht doch zu einfach & herzerwärmend, sieht eher nach einer politischen Entscheidung aus, so einen Film reinzunehmen.

“Microphone”, eine Dokufiktion über ägyptische Underground-Musiker, zeichnet eine wunderbare Hommage an Alexandria, ihre Straßen und Bewohner. Leider ertrinkt der Film ein bißchen in der Fülle an Material und die Handlung dreht sich mehr oder weniger im Kreis, bis alle Musiker vorgestellt wurden.

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JCC - Tag 2

Morgens zwei tunesische Dokumentarfilme über Filme: “De Carthage à Carthage” von Khaled Barsaoui und “Wa tahia assinima” von Mokhtar Ladjimi. Barsaoui hat alle sechs Jahre einen Film über die JCC gemacht, und so auch bei der letzten Edition 2008. Dieser Film ist ein interessanter Rückblick, der der Geschichte des Festivals und der Frage, wie afrikanisch es ist, nachgeht. Filmisch gesehen wenig interessant, aber ein guter Überblick über den Stand der Diskussion, die die JCC seit Jahren nachgeht. Der Film von Ladjimi (ungefähr: “Es lebe das Kino”) ist eine Zumutung: anderhalb Stunden über die sogenannten Kinematographien des Südens, bestehend aus Interviewpassagen und einem Vortrag, der willkürlich mit den immergleichen Festivalbildern unterlegt ist, ohne jeglichen Bezug zum Text.

Danach der mit Spannung erwartete “La guerre secrète du FLN en France” von Malek Ben Smail. Man sieht dem Film an, dass er fürs Fernsehen gemacht wurde - kein Vergleich mit der Bildsprachen von etwa “Alienations”. Doch was bleibt ist der klare Blick für unangenehme Themen und eine brilliante Analyse historischer Zusammenhänge. Ben Smail beleuchtet die inneralgerischen Auseinandersetzungen in Frankreich zu Ende der Kolonialzeit und die Reaktion französischer Politik, die ihren unrühmlichen Höhepunkt fand in einer Demonstration in Paris, die hunderte Tote forderte.

“Les larmes de l’émigration” - ein Dokumentarfilm eines jungen senegalischen Regisseurs über seine Mutter, die seit zwanzig Jahren darauf wartet, dass der Vater aus der Emigration zurückkommt. Zwanzig Jahre ohne Nachricht, zwanzig Jahre, in denen die Mutter ihr Schicksal als gottgegeben hinnimmt. Eine beeindrückende Annäherung ist dieser Film. “Langsam”, sei der Film, sagte der Regisseur, aber “Warten braucht Zeit”.

Als einzigen Spielfilm am Abend dann “Once Again” des syrischen Regisseurs Joud Said gesehen, Geschichte der syrisch-libanesischen Beziehungen, erzählt anhand der Hauptfigur Majd in zwei Zeitebenen Anfang der 1980er Jahre und in der Gegenwart. Der Sohn eines Militärs, der Anfang der 80er bei einem Schusswechsel schwer verletzt, ist jetzt Gigolo, Hacker und Informatiker einer Bank. Eine seltsame Mischung aus Liebesgeschichte, Thriller und Kriegsfilm, dessen Ziel und Botschaft mir immer noch nicht so ganz klar ist - außer der eher banalen Erkenntnis, dass der Krieg bei den Menschen spuren hinterlässt. Schade, so etwas im Wettbewerb wiederzufinden, und schade auch so etwas von Joud Said zu sehen, der vor zwei Jahren eine interessante Shakespeare-Adaption im Kurzfilm-Wettbewerb hatte.

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JCC - Tag 1

Es ist wieder soweit, und wie jedes Mal bei den JCC frage ich mich, wie es denn diesmal mit der Organisation laufen wird. Da ich wegen der Arbeit nur Teilzeit-Festivalgängerin bin habe ich mir eine Dauerkarte gekauft und mich auch nicht um eine Einladung für die Eröffnung bemüht. Einen Tag vorher auf Facebook kommt dann eine Einladung, es gäbe eine Liveübertragung mit anschließendem Film im Colisée, 20 Meter vom Theater und der Eröffnungsfeier entfernt. Karten gäbe es kostenlos am Kino. Dort weiß leider keiner davon, ich werde zum Ministerium am anderen Ende der Stadt geschickt. Im Festivalhotel treffe ich einen Kollegen, der organisiert mir eine Einladung. Abends am Kino sind die Türen dann verschlossen, Informationen spärlich. Es fehlt ein Kabel, keine Liveübertragung. Dafür nach anderthalb Stunden Warten ein Film- nicht der offizielle Eröffnungsfilm “L’homme qui crit” von Mahamet Saleh-Haroun, sondern Yousri Nasrallah’s “Ahki ya Sheherazad” (Sprich, Sheherazade!) - schon älter (ich hatte den Anfang mal auf irgendeinem Flug gesehen).

Sheherazad, das ist bei Nasrallah eine TV-Moderatorin. Jeden Abend hosted sie eine kritische Talkshow, zeigt das Ägypten das die Regierung gerne verstecken würde. Doch ihr Mann, Journalist bei einer Zeitung, hat Aussicht auf den Chefredakteursposten, und ihm wird zu verstehen gegeben dass seine Frau besser den Mund halten sollte, wenn er die Stelle haben möchte. Das führt einerseits zu Ärger in der Beziehung, und andererseits dazu, dass Sheherazad neue Geschichten finden muss. Nasrallah erzählt vermittels der Talkshow-Gäste die Geschichten dreier Ägypterinnen, es geht um Liebe, Betrug, Traditionen.

Während die Rahmengeschichte wenig glaubhaft ist (die Autorin als Rächerin der Armen, die im 300m²-Luxusappartement lebt etc), gelingt es Nasrallah, drei spannende, glaubhafte Geschichten zu erzählen, die sich gut ergänzen. Ob man ägyptische Melodramen mag, ist natürlich eine andere Frage…

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